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Kommentar
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Leopold Aschenbrenner: Der Investorenbrief nach dem Kursfall

Leopold Aschenbrenner

Bildquelle: Nicholas Albrecht / NYT / Redux / laif. Verwendung im Rahmen der Berichterstattung und Kommentierung gemäß § 51 UrhG.

„I take full responsibility for these events."

Mit diesem Satz erklärte Leopold Aschenbrenner seinen Investoren einen Juli, in dem sein Fonds 67 Prozent verlor und den Großteil seines börsennotierten Portfolios an Citadel verkaufen musste. Aschenbrenner ist ehemaliger OpenAI-Forscher. Der Fonds, den er auf seiner eigenen KI-These aufgebaut hat, Situational Awareness, wurde in weniger als zwei Jahren zu einem der größten neuen Namen an der Wall Street. Dann kamen drei Wochen im Juli.

Der Brief, mit dem er das erklärt, ging donnerstags an die Investoren. Stunden später stand er im Wall Street Journal.

Genau das macht ihn zum Lehrstück.

Jedes Schreiben an viele ist ein öffentliches Dokument

Der Brief liest sich, als hätte sein Verfasser die Veröffentlichung einkalkuliert. Es gibt keine Zeile, die nur für einen Investor Sinn ergibt, und keine, die im Druck schlecht aussieht.

Das ist die Ausnahme. Kundenbriefe, Mitarbeiterschreiben, Gesellschafterinformationen: Die meisten Unternehmen verfassen sie, als wäre der Verteiler das Publikum. Sobald ein Schreiben mehr als eine Handvoll Empfänger hat, ist der Verteiler aber nur der erste Leser. Der zweite sitzt in einer Redaktion, der dritte in einer Kanzlei der Gegenseite.

Die Prüffrage vor jedem Versand lautet deshalb nicht, ob der Text die Empfänger überzeugt. Sie lautet: Wer liest das noch, und hält der Text das aus?

Timing schlägt Formulierung

Der Brief ging hinaus, während die Geschichte noch entstand, nicht nach den endgültigen Zahlen. Wer über den Fall schrieb, hatte seine Darstellung bereits auf dem Tisch. Niemand musste eine Lücke füllen.

Das ist der Punkt, der in Krisen am häufigsten falsch entschieden wird. Die Versuchung, auf vollständige Zahlen zu warten, ist nachvollziehbar und teuer. Schweigen wird nicht als Sorgfalt gelesen, sondern gefüllt, und zwar von anderen. Wer zuerst spricht, bestimmt das Vokabular, in dem der Fall verhandelt wird.

Gerüchte beantworten, ohne sie zu wiederholen

Eine Passage des Briefs zählt auf, was alles nicht passiert ist: nicht geschlossen, nicht liquidiert, nicht in einen reinen Privatfonds umgewandelt. Was gesagt wurde, steht dort nicht.

Das ist handwerklich präzise. Wer ein Gerücht benennt, um es zu dementieren, verschafft ihm ein zweites Leben, diesmal mit offizieller Quelle. Die Alternative ist genau das, was dieser Brief tut: den zutreffenden Sachverhalt so formulieren, dass die Falschbehauptung beantwortet ist, ohne je zitiert zu werden.

Eingeständnis vor Erklärung

Der Rest ist unglamourös und selten. Das Eingeständnis steht am Anfang, nicht nach der Einordnung. Die Zahlen stehen im Brief selbst, nicht im Verweis auf das nächste Reporting. Und statt eines Sammelstatements gibt es das Angebot von Einzelgesprächen.

Die meisten Krisenschreiben machen es umgekehrt: erst Kontext, dann Relativierung, dann ein Eingeständnis im Konjunktiv, Zahlen später. Das liest sich in der Woche des Versands besser. Es hält nur nicht, wenn jemand das Schreiben drei Monate später neben die Fakten legt.

Was bleibt

Wie es mit dem Fonds weitergeht, weiß niemand. Für die Beurteilung des Briefs ist das unerheblich. Die meisten Krisenbriefe werden geschrieben, um die Woche zu überstehen. Dieser wurde geschrieben, um danach gelesen zu werden.

Das ist der Maßstab, an dem sich jedes Krisenschreiben messen lassen muss: nicht, ob es beruhigt, sondern ob es der späteren Lektüre standhält.


Laura Montag berät Unternehmen und Führungskräfte in Krisen, Verfahren und Sondersituationen. Zur Leistungsübersicht